Was Sie nach einem Autounfall einfordern können

Schuldlos in Autounfälle Verwickelte laufen Gefahr, auf dem Schaden sitzen zu bleiben

Wer ohne eigene Schuld in einen Autounfall verwickelt wird, erwartet, dass die Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers für den kompletten Schaden aufkommt.

Immer häufiger versuchen die Versicherer jedoch, die Kosten zu drücken. Die Versicherungen kürzen einfach bestimmte Posten aus den Rechnungen heraus. Viele Unfallgeschädigte sind dadurch verunsichert. Sie sollten die Aussagen des Versicherers jedoch nicht einfach hinnehmen, sondern sich wehren.

 

Kann die Versicherung bei der Werkstattrechnung kürzen?

Grundsätzlich muss der Geschädigte nach dem Unfall so gestellt werden, als wäre der Unfall nicht passiert - vorausgesetzt, er ist zu 100 Prozent unschuldig. Das heißt: Der gegnerische Versicherer muss die Kosten in voller Höhe tragen. Verteilt sich die Schuld auf mehrere Beteiligte, werden auch die Kosten geteilt.

Allerdings muss die Reparatur wirtschaftlich und sinnvoll sein. Bei einem schlecht gepflegten, älteren Auto kann man dem entsprechend nicht auf den Ersatz durch komplett neue Teile bestehen, sondern muss unter Umständen gebrauchte Teile akzeptieren.

Falls die Werkstatt zu teuer abgerechnet hat, kann der Versicherer höchstens verlangen, dass der Geschädigte den direkten Kontakt zur Werkstatt erlaubt. Der Versicherer kann sich so Geld direkt von der Werkstatt zurückholen. Das hat das Oberlandesgericht Karlsruhe in einem Gerichtsurteil vom 22. Dezember 2015 entschieden (AZ 14 U 63/15).

 

Muss die Versicherung meine Rechtsanwaltskosten übernehmen?

Wenn die anwaltliche Vertretung erforderlich ist, müssen die Kosten von der gegnerischen Versicherung übernommen werden. Marktcheck-Rechtsexperte Karl-Dieter Möller rät unbedingt dazu, sich bei Schäden, die über einen Bagatellschaden hinausgehen, einen Verkehrsrechts-Anwalt zu nehmen.

Ähnlich sieht es das Oberlandesgericht Frankfurt am Main: Es geht sogar so weit, dem Unfallopfer Fahrlässigkeit vorzuwerfen, wenn es versucht, Schadenspositionen auf eigene Faust geltend zu machen. Das Schadensrecht sei so kompliziert geworden, dass Experten unerlässlich seien - schon bei einfachen Verkehrsunfällen (Az: 22 U 171/13). Außerdem könne der Anwalt verhindern, dass Versicherungen die fehlende juristische Fachkenntnis eines Unfallgeschädigten zu ihrem Vorteil ausnutzen.

Wer auf jeden Fall für Streits im Straßenverkehr gewappnet sein möchte, kann sich außerdem eine Kfz-Rechtsschutzversicherung zulegen. Diese ist deutlich günstiger, als eine normale Rechtsschutzversicherung.

 

Gutachter oder Kostenvoranschlag?

Unter Umständen lohnt es sich, einen Gutachter einzuschalten. Die Wertminderung eines Fahrzeugs wird nämlich beispielsweise nur erstattet, wenn sie von einem Gutachter bescheinigt wurde. Auf dem Kostenvoranschlag der Werkstatt fehlt dieser Punkt. Vor allem bei Autos, die jünger als drei Jahre sind, lohnt es sich, die Wertminderung mit einrechnen zu lassen.

Auch den Gutachter muss die Versicherung der Gegenseite zahlen - wenn es sich nicht um einen Bagatellschaden handelt.

 

Welche Gutachter sind seriös?

Vorsicht ist geboten, wenn der gegnerische Versicherer einen Gutachter vorschlägt, da nicht sichergestellt ist, dass dieser unabhängig ist. Besser ist es, einen eigenen Gutachter zu suchen.

Gleiches gilt für Werkstätten, die das Versicherungsunternehmen vorschlägt. Oft existieren Kooperationen zwischen den Unternehmen und die Schäden werden möglicherweise nur kostengünstig und nicht hochwertig repariert.

 

Gutachten bei fiktiver Reparatur

Der Unfallgeschädigte kann den bei ihm entstandenen Schaden auch fiktiv abrechnen, wenn er sich noch nicht sicher ist, ob er das Fahrzeug tatsächlich reparieren lassen will. Bei der fiktiven Abrechnung kürzen Versicherungen jedoch besonders gerne - beispielsweise bei Transportkosten oder Aufschlägen auf Ersatzteilpreise.

In diesem Bereich kommt es immer wieder zu Urteilen – auch zu höchstrichterlichen.  Zuletzt gab es ein Urteil des Bundesgerichtshofs, das die Rechte des Geschädigten gestärkt hat. (Urteil des BGH vom 25. September 2018 , Aktenzeichen: VI ZR 65/18)

Und grundsätzlich gilt: Geschädigte haben nach der Rechtsprechung des BGH in der Regel Anspruch auf den Ersatz der in der markengebundenen Fachwerkstatt angefallenen Reparaturkosten. Das gilt unabhängig davon, ob der Geschädigte das Fahrzeug tatsächlich voll, minderwertig oder überhaupt nicht reparieren lässt. Das gilt, wenn das beschädigte Fahrzeug zum Unfallzeitpunkt nicht älter als drei Jahre war oder ein älteres Fahrzeug regelmäßig in einer markengebundenen Fachwerkstatt gewartet und gegebenenfalls auch repariert wurde (BGH, Urteil v. 07.02.2017, VI ZR 182/16).

 

Muss die Versicherung einen Mietwagen zahlen?

Ja, wenn der Unfallgeschädigte das Auto tatsächlich braucht. Man muss darlegen, dass man das Fahrzeug, wenn es nicht kaputt wäre, tatsächlich benutzt hätte, etwa um damit zur Arbeit zu fahren. Wenn man wegen des Unfalls im Krankenhaus liegt, wird die Argumentation hier schwierig. Allerdings kann es auch als Begründung reichen, dass man Familienangehörigen zugesagt hatte, dass sie das Auto benutzen können (KG Berlin, Urteil vom 29. September 2005. Aktenzeichen.: 12 U 235/04).

Grundsätzlich darf ein dem Unfallfahrzeug gleichwertiges Auto angemietet werden. So gab etwa das Oberlandesgericht Dresden einem Unfallgeschädigten recht, der sich entsprechend seines beschädigten privaten Autos ein Mietfahrzeug der Luxusklasse anmietete, woraufhin sich die Versicherung weigerte, die Kosten zu übernehmen (OLG Dresden, Urteil vom 31. Juli 2013, Aktenzeichen 7 U 1952/12).

Meist geht die Rechnung des Mietwagens direkt an den Versicherer. Es kommt aber häufig vor, dass die Versicherung die Rechnung kürzt. Dann versucht der Mietwagenunternehmer, das restliche Geld beim Unfallgeschädigten einzutreiben. Um sich vor Ärger zu schützen, empfiehlt es sich, mehrere Mietwagen-Angebote einzuholen. Wer außerdem beim Mietwagen eine Klasse niedriger wählt, als das beschädigte Auto, geht ein geringeres Risiko ein, dass die Versicherung die Kosten nicht übernimmt.

 

Nutzungsausfallentschädigung

Unter Umständen kann es sich für den Geschädigten lohnen, statt eines Mietwagens, eine Ersatzzahlung zu verlangen: die Nutzungsausfallentschädigung. Wie viel Geld man da pro Tag bekommt, richtet sich nach dem Fahrzeugmodell und kann auf der sogenannten Schwacke-Liste eingesehen werden.

Das gute hieran: Die Nutzungsausfallentschädigung laut Schwacke-Liste darf nicht gekürzt werden, auch wenn ein Mietwagen günstiger wäre.

 

Quelle: www.SWRFernsehen.de

aus der Sendung vom Di, 12.11.2019 20:15 Uhr, MARKTCHECK, SWR Fernsehen